Im September 1771 wurde die beschauliche Ruhe, die normalerweise in dem kleinen Landstädtchen Kirchheim unter Teck herrschte, für mehrere Wochen jäh unterbrochen. Der lebenslustige Herzog Carl Eugen von Württemberg hatte beschlossen, in den Wäldern rund um Kirchheim seinem herbstlichen Jagdvergnügen nachzugehen.
Der Aufenthalt des herzoglichen Hofstaates, der aus 411 Personen bestand, forderte von den städtischen Beamten organisatorische Höchstleistungen. Schon eine Woche vor seiner Ankunft hatte der Herzog eine Liste derjenigen Personen, die ihn begleiteten, nach Kirchheim vorausschicken lassen, damit ihre Unterbringung im Schloss und in der Stadt rechtzeitig vorbereitet werden konnte.
Zum Gefolge von Carl Eugen gehörte ein Mann, den man zuvor noch nicht oft am Hof gesehen hatte. Es war der ziemlich unansehnliche, klein gewachsene Baron von Leutrum aus Pforzheim, der zwei Jahre zuvor zum württembergischen Kammerherrn ernannt worden war. Auf ausdrücklichen Befehl von Carl Eugen musste er ab dem 29. September für eine Woche seinen Kammerherrendienst versehen und dem Herzog die Aufwartung machen.
Das plötzliche Interesse des Herzogs an der Gesellschaft des Herrn von Leutrum hatte einen besonderen Grund: Carl Eugen hatte sich in die junge Frau des Kammerherrn, die damals dreiundzwanzigjährige Franziska Theresia von Leutrum, verliebt. Der Aufenthalt in Kirchheim war für ihn eine günstige Gelegenheit, die Dame näher kennenzulernen. Eigentlich war der Herzog in Begleitung seiner offiziellen Mätresse, der Opernsängerin Catharina Bonafini, angereist. Das Verhältnis begann sich jedoch abzukühlen.
Mehrere Tage ließ der Herzog ganz ohne Jagdausritte verstreichen und sorgte für anderen Zeitvertreib, der dem sanfteren Gemüt seiner neuen Herzensdame Franziska eher entsprochen haben dürfte. Neben Ausflügen in die nahe Umgebung gab es andere Unterhaltungen für den Hofstaat, zum Beispiel führte das Stuttgarter Theater fast jeden Abend eine Oper in dem eigens dafür errichteten Opernhaus im Kirchheimer Schlossgarten auf.
Am 28. Oktober 1771 reiste der Herzog mit seinem Gefolge wieder von Kirchheim unter Teck ab. Nur zwei Monate später wurde Franziska die neue offizielle Mätresse des Herzogs. Sie lebte über 20 Jahre an der Seite Carl Eugens. Nach dem Tod seiner ersten Gemahlin heiratete er sie sogar und machte sie damit zur Herzogin von Württemberg. Als Witwe kehrte Franziska schließlich wieder in das Kirchheimer Schloss: Bis zu ihrem Lebensende wohnte sie da, wo ihre Liebesbeziehung mit dem Herzog einstmals begonnen hatte.